Silber: Die Diskrepanz zwischen physischem Markt und Papiermarkt wächst

Ned Naylor-Leyland, Chris Mahoney und Joe Lunn werfen einen genaueren Blick auf die jüngsten Turbulenzen am Silberterminmarkt im Kontext der höheren Investment- und Industrienachfrage und erörtern die Auswirkungen der zunehmenden Silberknappheit.
19 März 2026 5 Minuten

Exportbeschränkungen, rapide schwindende Lagerbestände, Backwardation (höhere Spot- als Future-Preise) – durch die jüngsten Preisverzerrungen und Lieferengpässe am Silbermarkt ist der Preisaufschlag in China gegenüber den westlichen Märkten auf 10 US-Dollar pro Unze gestiegen. Gleichzeitig sind die Margin-Anforderungen für Silber-Futures wiederholt angehoben worden, während technische Probleme zu Handelsunterbrechungen am Terminmarkt geführt haben.

Die Folge ist, dass viele Anleger die Entwicklungen am Silbermarkt sehr genau beobachten und vermehrt fordern: „Ich will mein Silber sofort haben – nicht erst in einigen Monaten.“  Als der First Notice Day für den März-Silber-Kontrakt näher rückte, kam es erneut zu „technischen Problemen“ an der Chicago Mercantile Exchange (CME), weshalb der Handel mit Silber-Futures 48 Stunden vor dem ersten Liefertag vorübergehend gestoppt wurde.1

Der Terminmarkt ist entscheidend

Als der Handel an der CME wieder aufgenommen wurde, fiel der Silberpreis um 3 USD/Unze.  Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten, aber das letzte Mal, als es kurz vor der Veröffentlichung der Lieferbenachrichtigungen zu technischen Problemen im Silberhandel kam, folgte eine starke mehrmonatige Kursrally. Der Terminmarkt hat sich zum wichtigsten Lieferplatz für große Mengen physischen Metalls entwickelt. Das verheißt nichts Gutes für den Spotmarkt der Londoner Börse („Loco London“) als weltweit wichtigsten physischen Markt für Metalle einschließlich Gold und Silber.

Trotz dieses veränderten Anlegerverhaltens und entgegen einiger Online-Kommentare halten wir einen Default auf physische Lieferungen am US-Silberterminmarkt für unwahrscheinlich; allerdings sollten sich die Marktteilnehmer auf die Möglichkeit einstellen, dass es zu Regeländerungen kommt oder die CME zu Cash-Settlements greift.

Aufgrund des steigenden industriellen Silberbedarfs für Produkte wie Batterien, Elektronikgeräte und andere technische, medizinische und militärische Anwendungen ist das Silberangebot in den letzten Jahren sehr knapp geworden. Der jüngste Anstieg des Silberpreises hat zu einer höheren Anlegernachfrage geführt. Und im November haben die USA Silber auf ihre Liste kritischer Mineralien gesetzt. Diese umfasst Rohstoffe, die für die Wirtschaft und die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten besonders wichtig sind und bei denen ein erhöhtes Risiko von Lieferengpässen besteht.2

Wie Abbildung 1 verdeutlicht, schrumpfen die Silberbestände der beiden größten chinesischen Warenterminbörsen, der Shanghai Gold Exchange (SGE) und der Shanghai Futures Exchange (SHFE). Die Lagerbestände an der SGE sind gegenüber dem Höchststand von rund 5.500 Tonnen im Jahr 2020 um rund 90% auf zuletzt etwa 494 Tonnen gesunken. Dies ist insofern besonders wichtig, als Silber dort durchweg mit einem Aufschlag von mehr als 10 US-Dollar pro Unze gegenüber den westlichen Benchmarks notiert.

Gleichzeitig bleibt die physische Abnahme stark: Die monatlichen Entnahmen an der SGE belaufen sich auf etwa 320 Tonnen. Falls sich dieser Trend fortsetzt, würden die gesamten lieferbaren Vorräte der SGE also für kaum mehr als sechs Wochen reichen. Dies signalisiert, dass Chinas wichtigste Börse beim Handel mit physischem Silber derzeit mit außerordentlich geringen Silbervorräten arbeitet.

An der SHFE sieht es ähnlich aus. Die lieferbaren Silbervorräte der SHFE belaufen sich derzeit auf 455 Tonnen. Damit haben sie sich gegenüber dem Wert von rund 900 Tonnen im Jahr 2020 in etwa halbiert. Insgesamt verfügen die beiden wichtigsten chinesischen Warenterminbörsen also über lieferbare Silbervorräte von 948 Tonnen.3

Das ist selbst unter konservativen Annahmen ein sehr begrenzter Puffer. Beim derzeitigen Entnahmetempo würden Chinas lieferbare Silbervorräte nur für zwei bis drei Monate reichen. In vielerlei Hinsicht sind es die Entwicklungen an diesem Markt, auf die sich die Aufmerksamkeit des Marktes aktuell richten sollte – und weniger auf die täglichen COMEX/CME-Bestandsdaten. Allerdings ist es auch nur natürlich, dass westliche Investoren vor allem auf die Entwicklung der Lagerbestände der CME blicken, da es unwahrscheinlich ist, dass Metall aus Shanghai in absehbarer Zeit wieder gen Westen transferiert wird.

Abb. 1: Silberbestände der Shanghai Gold Exchange und Shanghai Futures Exchange 2018-2026 (in Tonnen)

chart 1 Quelle: Shanghai Gold Exchange und Shanghai Futures Exchange, Stand: 31.1.2026

Abb. 2: Silberbestände der CME, die zur Erfüllung von Futures-Kontrakten herangezogen werden können, 2018-2026 (in Unzen)

chart 2 Quelle: CME-Daten, Stand: 31.1.2026

Mehr denn je zieht das Thema der physischen Silberknappheit angesichts eines zunehmenden Nachfragedrucks die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich. Die Diskrepanz zwischen der physischen Nachfrage im Osten und den Papierpreisen im Westen gibt zu denken. Dass die aktuelle Entwicklung so schwer zu erklären ist, liegt vor allem am undurchsichtigen Spread zwischen den physischen Silbermärkten in China und Indien und den verschiedenen synthetischen Papiermärkten.

Kritische Mineralien

Bei Silber denken Anleger meist an physisches Silber oder Futures-Kontrakte, doch der zuvor erwähnte außerbörsliche Spotmarkt für Silber („Loco London“), der im Wesentlichen auf Kassageschäften mit sammelverwahrtem (nicht einzeln zugewiesenem) Silber basiert, macht die Sache noch komplexer. Früher war der Londoner Markt die erste Anlaufstelle für industrielle Abnehmer oder Investoren, die große Mengen an physischem Silber erwerben wollten – er war der Motor des gesamten Marktes.

In Bezug auf Silber als Anlagewert sollte bedacht werden, dass tatsächliche Ergebnisse deutlich von den Erwartungen abweichen können. Zudem macht die wachsende Nachfrage aus der Industrie Silber zyklischer und empfindlicher gegenüber Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Anlegerstimmung. Grundsätzlich hängt die Entwicklung der Edelmetallpreise und Minenaktien nicht nur von der physischen Verfügbarkeit und Nachfrage ab, sondern auch von Kapitalbewegungen, dem Vertrauen der Marktteilnehmer und makroökonomischen Faktoren, die sich rasch ändern können.

Wir sind der Ansicht, dass bisherige Annahmen zur Preisbildung und Verfügbarkeit von Silber nicht mehr zutreffen. Die zunehmende Silbernachfrage in China – sowohl für Anlagezwecke als auch für industrielle Anwendungen – und die anhaltend hohe Investmentnachfrage in Indien haben zu einem Silbermarkt geführt, der sich durch zunehmend starke Nachfragefundamentaldaten bei einer zunehmend instabilen Angebotsstruktur auszeichnet.

Die Verlagerung von Papiersilber zu Metallsilber ist unserer Ansicht nach in vollem Gange und wird sich weiter beschleunigen.  Wir werden diese Entwicklung weiterhin aufmerksam beobachten und gehen davon aus, dass die Nachfrage nach physischer Auslieferung auf absehbare Zeit hoch bleiben wird.

 

Quelle

1Ein Terminkontrakt ist eine rechtsverbindliche Vereinbarung, eine Ware oder ein Finanzinstrument in einem bestimmten Monat in der Zukunft zu einem vereinbarten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Der First Notice Day oder Erstbenachrichtigungstag ist der Tag, ab dem der Inhaber der Short-Position in einem Futures-Kontrakt (also der Verkäufer der Ware bzw. des Finanzinstruments) die Clearingstelle der Börse über die Absicht und Details der bevorstehenden Lieferung und ihrer Abwicklung informieren kann. Siehe Financial Times, „CME technical glitch“, 25.2.2026. https://www.ft.com/content/d3fe28d9-ec71-45fb-8574-de4922d04482

2US Geological Survey Pressemitteilung. 14.11.2025  https://www.usgs.gov/news/science-snippet/interior-department-releases-final-2025-list-critical-minerals

3Quelle:  Shanghai Gold Exchange und Shanghai Futures Exchange, Stand: 31.01.2026. Die 350 Tonnen entsprechen in etwa der Summe der Lagerbestände beider Börsen.

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