Der Krieg im Iran eröffnet asymmetrische Chancen an den Anleihemärkten

Ariel Bezalel und Harry Richards analysieren die Auswirkungen des Iran-Konflikts auf die Weltwirtschaft und die Rentenmärkte.
14 Mai 2026 7 Minuten

Mehr als zwei Monate sind vergangen, seit die USA und Israel mit Luftangriffen auf den Iran begonnen haben, und die Auswirkungen des Konflikts sind weltweit spürbar geworden. Die Straße von Hormus, die zentrale Engstelle, durch die ein Fünftel der weltweiten Ölförderung transportiert wird, blieb weitgehend geschlossen, was die Ölpreise nach oben getrieben und Inflationssorgen in den Vordergrund gerückt hat.

Obwohl diplomatische Bemühungen einen fragilen Waffenstillstand ermöglicht haben, ist eine dauerhafte Lösung noch nicht in Sicht, da zwischen den Verhandlungspositionen der USA und des Iran weiterhin eine große Lücke besteht. Der wichtigste US-Aktienindex hat neue Höchststände erreicht, und die Risikomärkte insgesamt zeigen sich weiterhin gelassen.

Deeskalation oder ein langwieriger Konflikt: Das ist die Frage, da der Krieg in seinen dritten Monat geht. Ein Ende der Kampfhandlungen wäre wünschenswert, um die wirtschaftlichen Interessen aller Beteiligten zu sichern, doch die diplomatischen Fortschritte verlangsamen sich, da offenbar hardliner-nahe Fraktionen innerhalb der iranischen Administration die Verhandlungen dominieren. Die Wahrscheinlichkeit einer länger anhaltenden Störung der Straße von Hormus ist gestiegen, was zu einer stärker „fat-tail“-geprägten Verteilung makroökonomischer Szenarien beiträgt und für Anleger eine vorsichtigere Risikopositionierung erforderlich macht.

Die US-Wirtschaft bleibt solide

Vor diesem Hintergrund zeigen sich die fundamentalen Daten der US-Wirtschaft weiterhin relativ widerstandsfähig. Strukturelle Rückenwinde, vor allem anhaltende Investitionen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, stützen das Wachstum weiterhin, was sich in den jüngsten BIP-Daten widerspiegelt. Die Gewinnrevisionen für die großen US-Aktienindizes waren robust, was die fundamentalen Grundlagen der Entwicklung von Risikoanlagen stärkt und den Vermögenseffekt für private Haushalte unterstützt.

Während die Arbeitsmarktdaten auf eine geringe Neueinstellungsdynamik hindeuten, mehren sich die Hinweise darauf, dass die Schwelle für die Aufrechterhaltung einer stabilen Arbeitslosenquote ebenfalls niedriger liegen könnte als bislang angenommen. Zudem hat die Industrieproduktion Anzeichen einer Wiederbeschleunigung gezeigt. Zusammengenommen deuten diese Entwicklungen darauf hin, dass die US-Wirtschaft weiterhin über gewisse Puffer verfügt, um den energiegetriebenen Schock abzufedern. Andererseits könnte der Anstieg der Energiepreise und seine mögliche Übertragung auf andere Bestandteile des Warenkorbs die Inflation länger über dem Zielwert halten.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass die Federal Reserve kurzfristig abwartend bleiben wird. Selbst angesichts anstehender personeller Veränderungen an der Spitze erscheint die Hürde für eine deutliche Lockerung angesichts der aktuellen Risikolage hoch. Daher sehen wir bei US-Zinsen kurzfristig nur begrenzten Wert.

Eine Straffung der Geldpolitik durch ECB und BOE wahrscheinlich

Der Ausblick in Europa ist differenzierter. Die Wachstumsdynamik bleibt im Vergleich schwächer, und die höhere Abhängigkeit der Region von importierter Energie macht sie anfälliger für negative Angebotsschocks. Tatsächlich wurden die Konsens-Wachstumserwartungen für 2026 in mehreren Eurozonen-Volkswirtschaften nach unten revidiert.

Gleichzeitig haben die Märkte einen erheblichen Grad an geldpolitischer Straffung sowohl durch die European Central Bank als auch durch die Bank of England eingepreist. Beide Zentralbanken haben die Zinsen im April unverändert gelassen und zugleich ihre datenabhängige Haltung bekräftigt. Die ECB räumte ein, dass die aktuellen Bedingungen eine Straffung zwar noch nicht rechtfertigen, dass eine solche Möglichkeit jedoch aktiv diskutiert worden sei. Die BOE skizzierte eine Reihe makroökonomischer Szenarien, darunter auch ein ungünstigeres Szenario, das eine erhebliche Straffung der Geldpolitik erforderlich machen könnte.

Dennoch sind wir der Ansicht, dass der Spielraum für Zentralbanken, die aktuellen Markterwartungen zu übertreffen, begrenzt ist. Daraus ergibt sich insbesondere am kurzen Ende und im mittleren Bereich europäischer Zinskurven ein asymmetrisch günstigeres Chancenprofil. In einem Deeskalationsszenario könnten Eurozonen-Zinsen deutlich fallen und ihre US-Pendants möglicherweise hinter sich lassen.

Die Volatilität dürfte erhöht bleiben

In den Schwellenländern, insbesondere in Lateinamerika, erscheint das makroökonomische Umfeld vergleichsweise unterstützend. Historisch gesehen haben Energieschocks die Region belastet; in der aktuellen Phase fällt die Reaktion jedoch deutlich differenzierter aus. Große Rohstoffvorkommen, relativ geringe externe Ungleichgewichte, die geographische Distanz zum Konfliktgeschehen und glaubwürdige geldpolitische Rahmenwerke stützen die Robustheit vieler Länder. Gleichzeitig bleiben die Realrenditen in Märkten wie Brasilien und Mexiko erhöht, was Lokalwährungs-Staatsanleihen zu einer der überzeugendsten Chancen im globalen Fixed-Income-Universum macht.

Mit Blick nach vorne erwarten wir, dass die Unsicherheit zunehmen und die Rentenmärkte sensibel auf geopolitische Entwicklungen reagieren werden. Zwar gehen wir weiterhin davon aus, dass Zweitrundeneffekte auf die Inflation weniger wahrscheinlich sind als in früheren Episoden wie 2022, doch die kurzfristige Volatilität dürfte erhöht bleiben.

Derzeit preisen Fixed-Income-Anleger die geopolitischen Entwicklungen vor allem als Inflationsschock ein, was sich in höheren Renditen von Staatsanleihen widerspiegelt. Als aktive Manager mit der Flexibilität, „überall zu investieren“, verfolgen wir die Entwicklungen weltweit genau, suchen nach geeigneten Anlagechancen und passen unser Portfolio entsprechend an.

 

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