Von Ende Januar bis Anfang Februar 2026 sorgte die indische Regierung mit einer Flut von wirtschaftspolitischen Ankündigungen für Schlagzeilen. Neben der Vorstellung des Haushalts für das nächste Fiskaljahr gehörten dazu auch Freihandelsabkommen mit der EU und Großbritannien sowie ein vorläufiges Handelsabkommen mit den USA. Was auf den ersten Blick nach unabhängigen politischen Initiativen aussehen mag, ist meiner Ansicht nach Ausdruck einer tiefgreifenden geopolitischen Neuausrichtung: der Umsetzung der „China+1“-Strategie des Westens, mit Indien als Eckpfeiler einer neuen globalen Lieferkettenarchitektur. Um die jüngsten Entwicklungen richtig einzuordnen, bedarf es einer umfassenderen Analyse, die über Zoll- und Haushaltspläne hinausschaut und die strategischen Interessen beleuchtet, die hinter dem verstärkten wirtschaftlichen Engagement des Westens in Indien stehen.
1. Der wirtschaftspolitische Rahmen: Haushalt und Handelsabkommen
Haushalt 2026: Aufbau der Infrastruktur für verlagerte Lieferketten
Der von Finanzministerin Nirmala Sitharaman vorgestellte Haushalt für 2026-27 sieht Investitionen in Höhe von 133 Milliarden US-Dollar vor, darunter rekordhohe Ausgaben für den Schienenverkehr (32,2 Milliarden US-Dollar) mit Plänen für sieben Hochgeschwindigkeitsstrecken sowie eine 15-prozentige Aufstockung der Verteidigungsausgaben. Das Kernstück des Haushaltsplans – eine 20-jährige Steuerfreiheit für ausländische Firmen, die indische Rechenzentren nutzen – soll Investitionen von über 200 Milliarden US-Dollar anlocken, insbesondere von US-Technologieunternehmen. Die indische Regierung hält an ihrer Haushaltsdisziplin fest und hat für das Fiskaljahr 2026 -2027 ein Defizitziel von 4,3% des BIP festgelegt, nach 4,4% im Fiskaljahr 2025- 2026.
Freihandelsabkommen mit Großbritannien: Vertiefung der Commonwealth-Partnerschaft
Vor dem Hintergrund der protektionistischen Zollpolitik von US-Präsident Trump und der damit verbundenen Störungen des internationalen Handels hatten Indien und Großbritannien bereits im Juli 2025 ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Beide Länder einigten sich darauf, die Zölle auf zahlreiche Güter, von Autos bis hin zu alkoholischen Getränken, abzuschaffen. Das als „historischer Meilenstein“ bezeichnete Freihandelsabkommen soll für eine größere geopolitische Stabilität und niedrigere Kosten im grenzüberschreitenden Handel sorgen. Premier Modi geht davon aus, dass sich Indiens bilateraler Handel mit dem Vereinigten Königreich von derzeit 56 Milliarden US-Dollar bis 2030 verdoppeln wird. Für britische Unternehmen wird es günstiger, Produkte wie Whisky, Autos, Autoteile, Kosmetikprodukte, Kekse, Kleidung oder Elektromaschinen im bevölkerungsreichsten Land der Welt zu verkaufen. Ein Anfang Februar veröffentlichter Bericht des britischen Oberhauses bezeichnet das Freihandelsabkommen als bedeutenden Erfolg, der Unternehmen in einer für den internationalen und regelbasierten Handel besonders schwierigen Zeit strategische Vorteile und Stabilität bietet.
Freihandelsabkommen mit der EU: Nahezu universeller Marktzugang
Das nach zwei Jahrzehnte langen Verhandlungen am 27. Januar 2026 unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU sieht eine Zollbefreiung für über 90% aller Waren und Dienstleistungen vor. Während Indien die Abgaben auf 96,6% der EU-Exporte senkt, wird die EU ihr Zollregime für fast 99% der indischen Waren schrittweise liberalisieren. Das Abkommen soll noch 2026 umgesetzt werden. Indien verspricht sich davon eine Steigerung seiner Exporte in die EU um bis zu 50 Milliarden US-Dollar bis 2031. Europäische Hersteller sollen jährlich bis zu 250.000 Autos zu niedrigeren Zollsätzen nach Indien exportieren können – eine fast sechsmal so hohe Quote, wie sie britischen Kfz-Herstellern angeboten wurde.
Vorläufiges Handelsabkommen mit den USA: Zollsenkungen und strategische Verpflichtungen
Das Rahmenabkommen vom 7. Februar 2026 senkt die US-Zölle auf indische Exporte im Wert von 30,94 Milliarden US-Dollar von 50% auf 18% und hebt die Zölle auf weitere Güter im Wert von 10,03 Milliarden US-Dollar vollständig auf. Zusammen mit den bestehenden Zollbefreiungen (u.a. für Generika und Mobiltelefone im Wert von 40 bis 50 Milliarden US-Dollar) genießt Indien nun einen zollfreien Zugang zum US-Markt im Wert von etwa 50 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug hat sich das Land dazu verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren US-Waren im Wert von 500 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Der Zollsatz von 18% soll noch in dieser Woche in Kraft treten. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer will im März nach Indien reisen, um das Abkommen offiziell zu besiegeln.
Freihandelsabkommen mit Kanada: Strategische Aussöhnung und Vollendung der Neuausrichtung des Westens
Kanadas Engagement für ein Freihandelsabkommen mit Indien dürfte die strategisch bedeutendste Entwicklung in der jüngsten Phase der wirtschaftlichen Neuausrichtung des Westens darstellen – gerade weil es erhebliche diplomatische Spannungen zu überwinden galt. Die Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Ottawa hatten sich unter der vorherigen kanadischen Regierung deutlich verschlechtert, was eine wirtschaftliche Zusammenarbeit faktisch ausschloss. Gezielte Bemühungen der beiden Regierungschefs Modi und Carney um einen Reset der bilateralen Beziehungen zeigen, dass strategische Prioritäten die einstigen diplomatischen Spannungen inzwischen in den Hintergrund gedrängt haben. So plant Kanadas Premier Anfang März 2026 einen Besuch in Indien, wo er Abkommen zu Uran, Energie, kritischen Mineralien und KI unterzeichnen will.
Kanada will noch im Februar 2026 offizielle Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Indien aufnehmen. Beide Seiten streben an, ihr bilaterales Handelsvolumen bis 2030 auf 50 Milliarden US-Dollar zu verdoppeln. Angesichts der zunehmend unberechenbaren Handelsbeziehung zu den USA unternimmt Ottawa „alle Anstrengungen, um Kanadas Bündnisse über die USA hinaus zu diversifizieren“. Die Bereitschaft beider Länder, die diplomatischen Spannungen der vergangenen Jahre hinter sich zu lassen, verdeutlicht eine zentrale Dimension der strategischen Neupositionierung Indiens: Die westlichen Nationen betrachten die Partnerschaft mit Indien als so wichtig, dass sie bereit sind, diplomatische Spannungen zu bereinigen und Beziehungen neu zu justieren.
Mit dem Abschluss des Rahmenabkommens mit Kanada wird Indien offiziell mit allen G7-Volkswirtschaften außer Japan Handelsvereinbarungen geschlossen haben. Japan unterhält durch die Quad-Allianz und eine umfassende bilaterale Zusammenarbeit eine noch engere strategische Partnerschaft zu Indien. Auch wenn die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sind und ihre Ergebnisse auch von politischen Entwicklungen abhängen, zeigen die diplomatischen Bemühungen zur Realisierung des umfassenden G7-Engagements meiner Ansicht nach eines ganz deutlich: Indiens Aufstieg zum Eckpfeiler der Lieferkettenstrategie des Westens beruht nicht nur auf opportunistischen bilateralen Vereinbarungen, sondern einem strategischen Konsens.
2. Der strategische Kontext: Indien als zentraler Partner des Westens bei der Diversifizierung der Lieferketten
Mehr als nur Handel: Der „China+1“-Imperativ
Das Zusammentreffen dieser Abkommen verdeutlicht eine strategische Neuausrichtung, die über die klassische Handelsliberalisierung hinausgeht. Die EU, Großbritannien und die USA verfolgen aktiv eine „China+1“-Strategie: Um ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten zu verringern, setzen sie auf Indien als wichtigsten alternativen Produktions- und Technologiepartner. Das ist nicht nur handelspolitisch motiviert. Was wir derzeit beobachten, ist eine grundlegende Neuordnung der globalen Wirtschaftsarchitektur, angetrieben durch geopolitische Zwänge, die sich durch die jahrelangen Spannungen zwischen den USA und China, Lieferkettenstörungen und wachsende Sorgen über eine zu hohe technologische Abhängigkeit verschärft haben.
Premierminister Modi hat diese strategische Dimension explizit anerkannt und die Handelsabkommen mit der EU, Großbritannien und den USA als positives Signal für die globale „Stabilität“ und das „Tempo des Fortschritts“ bezeichnet – eine Formulierung, die zeigt, dass sich Indien seiner Rolle im größeren geopolitischen Kontext durchaus bewusst ist. Durch die jüngsten Abkommen fallen jetzt 71% der indischen Exporte unter Freihandelsregelungen. Noch wichtiger ist, dass sich Indien mit diesen Abkommen als Anker der Lieferkettenneuordnung in strategisch wichtigen Sektoren positioniert.
Die sich selbst finanzierende Architektur: Wie 500 Milliarden zur Investition statt zur Last werden
Indiens Importzusage an die USA verdient eine genauere Analyse, da sie die durchdachte Finanzarchitektur verdeutlicht, auf der diese strategische Partnerschaft basiert. Die Verpflichtung zum Kauf von US-Waren im Wert von 500 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren stellt keine Belastung für die indische Wirtschaft dar, da sie sich weitgehend selbst finanziert. Außerdem steht sie im Einklang mit Indiens strategischen Entwicklungsprioritäten.
Bei den betroffenen Importen wird es sich voraussichtlich größtenteils um Investitionsgüter handeln, die für die Modernisierung der indischen Infrastruktur unverzichtbar sind – Flugzeuge, Energiesysteme, Hardware für Rechenzentren, Kokskohle, Edelmetalle und fortschrittliche Fertigungstechnologie. Das Abkommen mit den USA umfasst sowohl bereits bestehende Projekte als auch neue Ausgaben, zum Beispiel für Rechenzentren und Energie. Die starke Konzentration auf Investitionsgüter begrenzt die negativen Auswirkungen der geplanten Importe auf die arbeitsintensiven Sektoren der indischen Wirtschaft.
Voraussichtlich wird sogar ein Großteil dieser Investitionen von US-Unternehmen getätigt werden, insbesondere im Technologiesektor. Die im Haushalt 2026 festgeschriebene 20-jährige Steuerfreiheit für ausländische Firmen, die indische Rechenzentren nutzen, ist meiner Meinung nach kein Zufall, sondern eine wohlüberlegte Reaktion auf das wachsende Interesse westlicher Unternehmen an Alternativen zur chinesischen Technologieinfrastruktur. Die erwarteten Datacenter-Investitionen von über 200 Milliarden US-Dollar spiegeln bereits bestehende Vorhaben von US-Technologiegiganten wider, die sich in Asien breiter aufstellen möchten. Sie dürften entsprechende Importe von Spezialausrüstung, Servern und Technologiekomponenten aus den USA nach sich ziehen. Damit dürften sie einen positiven Kreislauf in Gang setzen, bei dem Investitionen von US-Unternehmen in Indien eine Importnachfrage erzeugen, durch die die bilateralen Handelszusagen erfüllt werden.
Meiner Ansicht nach finanzieren westliche Unternehmen mit ihren Investitionen Indiens Kapazitätsaufbau. Dabei haben die Importverpflichtungen eher eine buchhalterische Funktion und stellen keine echte finanzielle Last dar. Die Investitionen in Rechenzentren könnten bereits einen Großteil der zugesagten 500 Milliarden US-Dollar ausmachen, wobei die von den US-Technologiekonzernen erworbene Ausrüstung direkt an deren indische Tochtergesellschaften weitergegeben würde.
Technologietransfer und industrielle Ökosysteme: Nicht nur klassisches Outsourcing
Die strategische Dimension reicht über die technologische Infrastruktur hinaus und umfasst auch fortschrittliche Industriepartnerschaften. Jüngste Ankündigungen – zum Beispiel Schwedens Initiative zum Aufbau eines Luft- und Raumfahrt-Ökosystems in Indien – signalisieren, dass europäische Staaten dem Beispiel der USA folgen und ebenfalls moderne Industriekapazitäten in Indien aufbauen. Damit vollzieht sich ein grundlegender Wandel weg von klassischen Outsourcing-Modellen hin zu echtem Technologietransfer und gemeinsamen Entwicklungsprojekten in strategisch wichtigen Sektoren.
Durch gezielte Infrastrukturinvestitionen – vor allem rekordhohe Ausgaben für den Schienenverkehr, Hochgeschwindigkeitskorridore und die Fertigung in strategischen Sektoren wie Halbleiter, Seltenerdmagnete und hochentwickelte Chemikalien – will Indien optimale Voraussetzungen für diese Lieferkettenverlagerung schaffen. Mit der Fokussierung auf diese Sektoren adressiert Indiens Regierung bewusst die von westlichen Staaten identifizierten kritischen Lieferkettenschwachstellen, die aus der hohen Abhängigkeit von China resultieren.
Die Förderung der Fertigung in den Bereichen Pharma, Halbleiter, Seltenerdmagnete, Chemikalien und Textilien im jüngsten Haushaltsplan der indischen Regierung ist keine isolierte industriepolitische Maßnahme, sondern das binnenwirtschaftliche Gegenstück zum Marktzugang, den die Handelsabkommen eröffnen. Die westlichen Partner wollen nicht nur neue Exportmärkte erschließen, sondern investieren auch in den Aufbau von Kapazitäten in Indien, das sie als verlässlichere und demokratische Alternative zu China in strategisch wichtigen Technologie- und Fertigungssektoren betrachten.
Das breitere Ökosystem: GCCs, Raumfahrt und fortschrittliche Fertigungstechnologien
Die Zollankündigungen haben zu einer deutlichen Zunahme der Vorhaben von US-Unternehmen geführt, globale Kompetenzzentren in Indien aufzubauen. Diese sogenannten Global Capability Centres (GCCs) reichen über traditionelle IT-Dienstleistungen hinaus und umfassen auch Forschung und Entwicklung, fortschrittliche Technologien sowie strategische Geschäftsfunktionen. Im Vergleich zu früheren Outsourcing-Wellen stehen die GCCs für eine stärkere Integration Indiens in die Wertschöpfungsketten westlicher Unternehmen: Durch sie werden betriebliche Einheiten in Indien direkt in zentrale Geschäftsprozesse integriert, anstatt nur eine Support-Funktion zu erfüllen.
Am Beispiel der Raumfahrtindustrie wird diese Entwicklung sehr deutlich. In Verbindung mit dem Abkommen zwischen Indien und den USA, das Zollfreiheit für bestimmte Flugzeuge und Flugzeugteile vorsieht, signalisiert Schwedens Ankündigung, ein Luft- und Raumfahrt-Ökosystem in Indien aufzubauen, eine Entwicklung hin zu Koproduktion und Technologieaustausch in einer der strategisch wichtigsten Branchen. Anstatt nur für die Montage andernorts entwickelter Komponenten zuständig zu sein, wird Indien zu einem integralen Bestandteil der globalen Lieferketten in der Luft- und Raumfahrt. Das hat Auswirkungen auf die kommerzielle Luftfahrt und die Verteidigungsfähigkeiten.
Die Bereitschaft der EU, Indien einen bevorzugten Marktzugang zu gewähren, für den Indien europäischen Automobilherstellern eine sechsmal höhere Fahrzeugquote als ihren britischen Wettbewerbern einräumt, spiegelt ein strategisches Kalkül wider, das über das Streben nach Marktöffnung hinausgeht. Europäische Hersteller wollen nicht einfach nur Autos in Indien verkaufen. Sie prüfen, ob sich Indien als Produktionsbasis für ihre globalen Märkte eignet, insbesondere vor dem Hintergrund der Umstellung auf E-Fahrzeuge und der Suche nach Alternativen zu chinesischen Lieferketten für Batterien und Komponenten.
Die geopolitische Dividende: Demokratische Lieferketten und strategischer Konsens
Aus Sicht des Westens bietet Indien etwas, was China nicht zu bieten hat: eine demokratische Regierungsstruktur, die Achtung internationaler Normen und eine strategische Übereinstimmung in wichtigen geopolitischen Fragen. So formalisieren die jüngsten Handelsabkommen auch eine bisher implizite Übereinkunft, dass der wirtschaftliche Schulterschluss mit Indien nicht nur kommerziellen Interessen dient, sondern auch größeren strategischen Zielen wie dem Aufbau resilienter Lieferketten, die im Einklang mit westlichen Werten und Normen stehen.
Die Vereinbarungen bieten indischen Exporteuren unmittelbare Sicherheit und Vorhersehbarkeit in Zollfragen sowie einen niedrigeren Zollsatz (18%) als regionale Wettbewerber wie Vietnam und Bangladesch (beide 20%). Diese Vorzugsbehandlung spiegelt Indiens strategischen, über rein wirtschaftliche Kennzahlen hinausgehenden Wert wider.
Ausdrückliche Ziele der Abkommen sind ein erweiterter Marktzugang und koordinierte Maßnahmen zur Stärkung der wirtschaftlichen Sicherheit und Lieferkettenresilienz. Damit unterstreichen sie die sicherheitspolitische Dimension der Wirtschaftspolitik. In einer Ära des zunehmenden wirtschaftlichen Nationalismus und der geopolitischen Fragmentierung markieren Indiens Handelsabkommen mit der EU, Großbritannien und den USA die Entstehung eines alternativen Wirtschaftsblocks mit den Kernprinzipien demokratische Regierungsführung und strategischer Konsens.
3. Wirtschaftliche Auswirkungen
Indiens Economic Survey 2026 prognostiziert für das Fiskaljahr 2027 ein BIP-Wachstum von 6,8% bis 7,2% gegenüber 7,4% für das Fiskaljahr 2026. Die indische Zentralbank (RBI) hält an ihrer Wachstumsprognose von 7,4% für das Fiskaljahr 2026 fest. Nach Ansicht von Ökonomen könnte das Handelsabkommen zwischen den USA und Indien das Wachstum um mindestens 20 bis 30 Basispunkte erhöhen und im Fiskaljahr 2027 zu einem BIP-Wachstum von potenziell über 7% führen. Goldman Sachs hat seine Wachstumsprognose für Indien für das Kalenderjahr 2026 aufgrund dieses Handelsabkommens von 6,7% auf 6,9% angehoben.
Indien im Zentrum der globalen wirtschaftlichen Neuordnung
Die Ende Januar und Anfang Februar 2026 erfolgten Weichenstellungen könnten einen wichtigen Schritt in Indiens Positionierung als Anker der wirtschaftlichen Strategie des Westens in Asien darstellen – sofern die Vereinbarungen auch effektiv umgesetzt werden und die politischen Interessen der Partner weiterhin übereinstimmen. Die Infrastrukturinvestitionen im indischen Haushaltsplan, das Handelsabkommen mit Großbritannien, die fast vollständige Abschaffung von Zöllen durch die EU und die US-amerikanischen Präferenzhandelsregelungen sind keine isolierten Maßnahmen. Vielmehr sind es abgestimmte Elemente einer strategischen Architektur, die Indien als umfassende Alternative zu China mit seiner wirtschaftlichen Vormachtstellung etablieren soll. Das gleichzeitige Engagement Kanadas – das nach Jahren angespannter Beziehungen eine aktive diplomatische Annäherung erfordert – macht meiner Ansicht nach noch deutlicher, womit wir es hier zu tun haben: nicht mit opportunistischen bilateralen Abkommen, sondern mit einem koordinierten, strategisch motivierten Bemühen um den wirtschaftlichen Schulterschluss mit Indien. Wie lange dieser strategische Konsens hält, wird sowohl von innenpolitischen Zyklen als auch von den sich verändernden geopolitischen Prioritäten abhängen.
Die Importzusage über 500 Milliarden US-Dollar an die USA ist kein Zugeständnis, sondern der finanzielle Mechanismus, über den westliche Unternehmen Indiens Entwicklung hin zu einem fortschrittlichen Produktions- und Technologiezentrum finanzieren werden. Umfang und Tempo der Investitionen werden vom Vertrauen der Unternehmen, ihren Handlungsspielräumen und der globalen Nachfragesituation abhängen. Meiner Ansicht nach zeigen die angekündigten Investitionen in Rechenzentren, die Luft- und Raumfahrtallianzen, der Ausbau globaler Kompetenzzentren und die Initiativen im Bereich fortschrittlicher Fertigungstechnologien deutlich, worum es hier eigentlich geht: um eine grundlegende Neugestaltung der globalen Lieferketten mit Indien im Mittelpunkt.
Investoren sollten diesen strategischen Kontext verstehen. Indien erhält nicht nur Marktzugang oder Zollvergünstigungen, sondern wird als bevorzugte Alternative zu China systematisch in die westlichen Wirtschafts- und Technologieökosysteme integriert. Die jüngsten politischen Weichenstellungen könnten Indiens wirtschaftlichen Weg und seine Rolle in der Weltwirtschaft auf Jahrzehnte hinaus prägen. Ihre Wirkung wird weit über klassische Handelskennzahlen hinausgehen und sich auch in Dingen wie Technologieführerschaft, Industriekapazitäten und geopolitischem Einfluss widerspiegeln.
Indien scheint gut positioniert, um von den anhaltenden Bemühungen um eine stärkere Diversifizierung der Lieferketten zu profitieren. Wie schnell und in welchem Umfang dies der indischen Wirtschaft zugute kommt, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab. Verzögerungen bei der Umsetzung der Handelsabkommen, veränderte politische Prioritäten in Partnerländern und Umsetzungsrisiken könnten dem hier skizzierten Ausblick entgegenstehen. Ich sehe diese Risiken durchaus. Meiner Ansicht nach lautet die entscheidende Frage jedoch nicht mehr, ob Indien von der Diversifizierung der Lieferketten profitieren wird, sondern wie schnell das Land die Infrastruktur, Kompetenzen und institutionellen Kapazitäten aufbauen kann, um größtmögliches Kapital aus seiner strategischen Rolle als Anker der China+1-Strategie des Westens zu schlagen.
Quelle
Bloomberg News, Business Standard, Mint, Economic Times, Financial Express, PTI, CNBC TV18, Indian Express
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