Die Märkte haben immer wieder gezeigt, dass der beste Zeitpunkt zum Kaufen genau dann ist, wenn die schlechten Nachrichten nicht mehr schlechter werden können. Nicht umsonst lautet eine alte Börsenweisheit: „Kaufe, wenn das Blut in den Straßen fließt!“ – ein Rat, der heute extrem klingen mag, aber aus der Zeit der Napoleonischen Kriege stammt, als das Bild vermutlich besser gepasst hat.

 

Wir haben es zuletzt mit einer schier erdrückenden Flut an schlechten Nachrichten über die Emerging Markets (EM) zu tun gehabt. Russland und die Ukraine, Chinas Immobilien-, Gaming- und Tech-Sektoren, China und Taiwan, Wahlen in Lateinamerika, die Türkei, Staatsstreiche in Afrika. Die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise haben die aufstrebenden Märkte härter getroffen als andere Märkte. In der Folge haben diese Länder ihre Geldpolitik gestrafft (die Zinserhöhungen der letzten neun Monate summieren sich auf 3.770 Basispunkte). Traditionell sind volatile US-Zinsen und ein starker US-Dollar Belastungsfaktoren für die Schwellenmärkte. Wird unser langjähriges Thema der EM-Resilienz auf die Probe gestellt? Unserer Ansicht nach hat der Markt diese Probleme inzwischen eingepreist – im Vergleich zu den entwickelten Märkten waren die EM seit mindestens fünf Jahren nicht mehr so günstig bepreist. Damit könnte sich Anlegern eine Kaufgelegenheit bieten, wie sie nur alle paar Jahre vorkommt.

 

Wir halten Abstand vom „Marktrauschen“ und investieren viel Zeit in eigene Fundamentalanalysen zu Unternehmen und Ländern weltweit. Wir sehen eine Diskrepanz zwischen den schlechten Makronachrichten und der fundamentalen Stärke der von uns analysierten Emittenten. Im Folgenden gibt unser Team regionaler Analysten Einblicke in einige seiner Bottom-up-Einschätzungen. 

Asien 

LatAm

CEMEA

Herausragende Chance 

Wir argumentieren seit vielen Jahren, dass viele Anleger die Kreditmärkte der Schwellenländer falsch einschätzen: Sie unterschätzen ihre Vielfalt und überschätzen ihre Zins- und Dollarsensitivität. Der Nettoverschuldungsgrad der EM-Emittenten hat sich in den letzten zwei Jahren um 25% verringert. Die Abhängigkeit von Auslandskrediten ist drastisch zurückgegangen – fast 90% der Staatsanleihen der Schwellenländer lauten heute auf lokale Währungen, während es vor 20 Jahren erst 40% waren. Obwohl sie hinter den entwickelten Märkten zurückgeblieben ist, hat sich die Anlageklasse auch in der schwierigen jüngsten Phase in absoluten Zahlen gut gehalten – trotz Covid-Krise (die die Schwellenländer stärker getroffen hat als die Industrieländer) und regionaler Instabilität.

 

Unserer Ansicht nach sind die schlechten Nachrichten zu einem guten Teil eingepreist. Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass sich die Nachrichtenlage verbessert, und die Anleihenmärkte der EM dürften in nächster Zeit stärker auf eine positive Überraschung reagieren. Wir gehen davon aus, dass sich die regionalen Spannungen in Europa im Laufe dieses Jahres abbauen werden. Im Vorfeld des Parteikongresses im Herbst dürfte China seine Geldpolitik weiter lockern. Auch bei den US-Zinsen ist einiges passiert: Die Märkte preisen inzwischen allein für die nächsten zwölf Monate fünf Zinserhöhungen ein. Wir glauben, dass der Druck auf die Zentralbanken, die Geldpolitik zu straffen, nachlassen wird, wenn der Inflationsdruck ab dem zweiten Quartal zurückgeht und sich das Wachstum abschwächt.

 

ESG ist ein weiteres chancenreiches Thema in den EM, die in dieser Hinsicht zunehmend zu den Industrieländern aufschließen. Die Unternehmen und Staaten sind viel eher bereit, zuzuhören und auf Verbesserungen hinzuarbeiten, die wir als Investoren in hohem Maße beeinflussen können. Dementsprechend bemüht sich das Team auch intensiv um einen konstruktiv-kritischen Dialog mit den Emittenten zu Nachhaltigkeitsfragen.

 

Unser Team spezialisierter Kreditanalysten findet immer noch viele EM-Emittenten, die es für fundamental attraktiv hält, was im Widerspruch zum negativen Marktsentiment steht. Wenn der politische Gegenwind im weiteren Jahresverlauf, wie von uns erwartet, nachlässt, dürfte auch die Anlegerstimmung schnell drehen. Gemessen an ihrer relativen Bewertung erscheinen die EM aktuell sehr attraktiv. Für Anleger, die in der Lage sind, Gewinner zu identifizieren und Verlierer zu meiden, bietet sich unserer Ansicht nach eine große Chance für ein stärkeres Engagement in den EM.

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