Indien punktet mit hohem Wachstum und niedriger Inflation

Angesichts der Stärke des privaten Konsums und der wirtschaftsfreundlichen Politik der Regierung rechnen Avinash Vazirani und Colin Croft mit einer Fortsetzung der indischen Wachstumsstory.
18 Dezember 2025 7 Minuten

* Mit den hohen Wachstumsraten der letzten Quartale hat Indien seine Position als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft des letzten Jahrzehnts zementiert.

* Hinter dieser Dynamik stehen vor allem eine robuste Binnennachfrage, Steuersenkungen, eine lockere Geldpolitik und Strukturreformen

* Änderungen im Arbeitsrecht und eine vereinfachte Verbrauchssteuer schaffen Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum

* Viele Anhebungen der Wachstumsprognosen für 2026 trotz Gegenwind durch schwierige Handelsgespräche mit den USA und Unsicherheit in Bezug auf die künftigen Ölimporte aus Russland

Die indische Wirtschaft setzt ihren rasanten Wachstumskurs fort, angetrieben durch eine starke Binnennachfrage, Steuersenkungen, eine unterstützende Geldpolitik und Impulse durch Reformen. 

Die neuesten vierteljährlichen Regierungszahlenuntermauern Indiens Position als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft des letzten Jahrzehnts. Mit einer Wachstumsrate von 8,2 % wuchs die indische Wirtschaft in den drei Monaten bis Ende September schneller als in jedem der fünf vorhergehenden Quartale. Viele zeigten sich überrascht von der starken Wachstumsdynamik, die die Schätzungen der meisten Analysten und Ökonomen übertraf.

Für aufmerksame Beobachter der Gewinne und Profitabilität der Unternehmen war dies jedoch keine Überraschung. Bei der Bewertung der Gewinnentwicklung im Jahresvergleich zeigt sich der positive Effekt der ungewöhnlich niedrigen Inflation: So erscheint das nominale Gewinnwachstum von rund 10 % bei Large Caps (bereinigt um Ausreißer) unterdurchschnittlich – real ergibt sich jedoch ein gutes Bild, da die Inflation rund fünf Prozentpunkte unter dem üblichen Niveau liegt.

Nach der Veröffentlichung der BIP-Daten senkte die Reserve Bank of India (RBI) ihren Leitzins um 25 Basispunkte. Entgegen den Prognosen, dass das rasante Wachstum und die schwächere Rupie weitere Lockerungsschritte verhindern könnten, signalisierte die indische Notenbank zudem, dass sie Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht. Möglich war dies vor allem, weil die Preise in Indien aktuell fast gar nicht steigen – während viele Industrieländer Schwierigkeiten haben, die Inflation unter der 2-Prozent-Marke zu halten. 

Insgesamt senkte die RBI die Zinsen im Jahr 2025 um 125 Basispunkte. Das war die aggressivste Lockerung seit 2019, unterstützt durch eine Inflation, die nun deutlich unterhalb des Zielkorridors der Zentralbank von 2 % bis 6 % liegt.

Im „Sweet Spot“

Die Wirtschaft befindet sich in einem „Sweet Spot“ – einer günstigen Ausgangssituation, in der viel für eine Fortsetzung der starken Wachstumsdynamik spricht. 

Premier Narendra Modi, der das Land seit 2014 regiert, will Indien bis 2047 zu einer hochentwickelten Wirtschaft mit hohem Einkommen machen. In einem Anfang 2025 veröffentlichten Bericht der Weltbank heißt es, dass Indiens Wirtschaft in den nächsten 22 Jahren um durchschnittlich 7,8 % pro Jahr wachsen müsse, um diesen Status zu erreichen. Der Erdrutschsieg, den Modi mit seiner Partei und Regierungskoalition bei den jüngsten Wahlen im Bundesstaat Bihar eingefahren hat, war ein wichtiger Prestigeerfolg für den Premier und seine Reformagenda, auch wenn das Wahlergebnis keinen direkten Einfluss auf die Arbeit der Bundesregierung hat. 

Trotz negativer Faktoren wie Verzögerungen beim Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA und anhaltender Unsicherheiten über Energieimporte aus Russland kam es in der Folge zu zahlreichen Anhebungen der Wachstumsprognosen für 2026. Die RBI hat ihre BIP-Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 6,8 % auf 7,3 % angehoben. Fitch Ratings hat seine Schätzung von 6,9 % auf 7,4 % korrigiert, während die State Bank of India mit 7,6 % rechnet.

Einige steuerliche Maßnahmen wirken ebenfalls wachstumsfördernd. Im Februar 2025 senkte Indien die Einkommensteuer für bestimmte Personengruppen, um den Konsum anzukurbeln, und vereinfachte anschließend die Goods and Services Tax (GST) – eine Umsatzsteuer, die auf die meisten in Indien verbrauchten Waren und Dienstleistungen erhoben wird. Beides hat die Verbraucherausgaben gestützt. Im Zuge der Umstrukturierung der Umsatzsteuersätze gilt für die meisten Waren jetzt ein Steuersatz von 5 % oder 18 %. Zuvor gab es vier Steuersätze: 5 %, 12 %, 18 % und 28 %. Die Vereinfachung der GST hat bereits deutliche Auswirkungen auf den Konsum, die insbesondere die Automobilindustrie zu spüren bekommt. Tatsächlich hat die Einführung der GST während Modis erster Amtszeit den jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten ein Ende bereitet und zu höheren Steuereinnahmen geführt.

Wirtschaftsfreundliche Reformen

Die jüngst umgesetzten weitreichenden Änderungen im indischen Arbeitsrecht könnten das Wachstum weiter stärken. Zu den Reformen gehört die Anhebung der Schwelle für die staatliche Genehmigungspflicht bei Einstellungen und Entlassungen von Arbeitnehmern sowie bei der Verlegung oder Schließung von Unternehmenseinheiten. Dieser Schwellenwert wurde von 100 auf 300 Beschäftigte angehoben. Die Aufhebung der zeitlichen und örtlichen Arbeitsbeschränkungen für Frauen könnte zu einer höheren Erwerbstätigenquote von Frauen führen, die derzeit deutlich unter dem globalen Durchschnitt liegt. Die Reformen umfassen auch Initiativen zur Ausweitung der Sozialleistungen auf sogenannte Gig-Worker (Arbeiter auf Anbruf).

Die Anzahl der Vorschriften im indischen Arbeitsrecht wurde von 1.400 auf 350 reduziert. Das verringert den bürokratischen Aufwand und erleichtert die Geschäftstätigkeit. Weitere Reformen werden in Bereichen wie der Stromverteilung erwartet. Eine Konsolidierung der staatlich kontrollierten Banken gilt ebenfalls als denkbar. Zusammengenommen sollten diese Reformen zu Effizienzsteigerungen und letztlich einem höheren BIP-Wachstum führen.

Trotz jüngster Belastungen im Exportgeschäft, vor allem im Handel mit den USA, ist Indien weniger exportabhängig und stärker binnenmarktorientiert als einige andere ostasiatische Volkswirtschaften. Der Anteil des gesamten Handels am BIP beträgt knapp unter 50 %. Darüber hinaus machen Warenexporte in die USA nur 2 % des indischen BIP aus, und mehrere große Sektoren wie Generika und Elektronik sind von Zöllen befreit. Sollte es in den nächsten ein bis zwei Monaten zu einer Einigung mit den USA kommen – und jüngste Äußerungen von Handelsvertretern aus den USA und Indien deuten darauf hin –, könnte dies einen positiven Katalysator für die Märkte darstellen, da dann vermutlich wieder mehr Kapital aus dem Ausland zufließen würde.

Indien unterscheidet sich deutlich von anderen Schwellenländern wie China und Südkorea mit ihrer hohen Abhängigkeit von Exporten der produzierenden Industrie und Hightech-Branchen. Mit seinem großen Dienstleistungssektor und seiner begrenzten Exportabhängigkeit ist das südasiatische Land weniger anfällig für zunehmende geopolitische Risiken und Handelsspannungen. 

Insgesamt bietet der indische Aktienmarkt eine große Chancenvielfalt: Anleger können hier aus mehr als 4.800 börsennotierten Unternehmen wählen, davon rund 600 mit einem Marktwert von über 1 Milliarde US-Dollar. Im Rahmen unseres „Growth at a reasonable price“-Ansatzes halten wir konsequent und geduldig Ausschau nach Unternehmen, die weniger hoch bewertet sind als ihre Wettbewerber und potenziell höhere Renditen generieren können. Die in vielerlei Hinsicht stärkere Aufstellung Indiens könnte vielversprechend für unsere Strategie sein.

Fußnoten

1. Laut Daten, die im November 2025 vom indischen Ministerium für Statistik und Programmumsetzung veröffentlicht wurden 

The value of active minds: unabhängige Denkansätze

Ein wesentliches Merkmal des Investmentansatzes von Jupiter ist, dass wir unseren Fondsmanagern keine Hausmeinung aufdrücken, sondern ihnen die Freiheit geben, eigene Ansichten zu den Anlageklassen zu formulieren, auf die sie sich spezialisiert haben. Daher ist zu beachten, dass alle geäußerten Ansichten – einschließlich derjenigen, die sich auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Erwägungen beziehen – die des Autors/der Autoren sind und von den Ansichten anderer Jupiter-Anlageexperten abweichen können.

Wichtige Hinweise

Dieses Dokument richtet sich nur an professionelle Investoren und nicht an sonstige Personen. Dieses Dokument dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Markt- und Wechselkursschwankungen können dazu führen, dass der Wert von Anlagen steigt oder fällt, und es ist möglich, dass Anleger bei der Rückgabe ihrer Anteile nicht den vollen Anlagebetrag zurückerhalten. Die hier geäußerten Meinungen sind die der genannten Personen zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels. Sie stimmen nicht notwendigerweise mit den Meinungen von Jupiter insgesamt überein und können sich ändern. Das gilt insbesondere in Phasen, in denen sich das Marktumfeld sehr schnell verändert. Während alle Anstrengungen unternommen werden, um die Genauigkeit der dargestellten Informationen sicherzustellen, kann diesbezüglich keine Haftung übernommen werden. Die Beispiele für Positionen dienen nur zur Illustration und sind nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu verstehen. Herausgegeben im Vereinigten Königreich von Jupiter Asset Management Limited (JAM), eingetragener Gesellschaftssitz: The Zig Zag Building, 70 Victoria Street, London, SW1E 6SQ, Vereinigtes Königreich, zugelassen und beaufsichtigt durch die Financial Conduct Authority. Herausgegeben in der EU von Jupiter Asset Management International S.A. (JAMI), eingetragener Gesellschaftssitz: 5, Rue Heienhaff, Senningerberg L-1736, Luxemburg, zugelassen und beaufsichtigt von der Commission de Surveillance du Secteur Financier. Kein Teil dieses Dokuments darf ohne vorherige Genehmigung von JAM/JAMI reproduziert werden.